Elektrotechnik als duales Studium

"Am Schwersten ist es, Dinge zu durchdringen und zu verstehen, die man einfach so hinnimmt. Beispielsweise: Warum fließt Strom?", sagt Tobias Sonntag
"Am Schwersten ist es, Dinge zu durchdringen und zu verstehen, die man einfach so hinnimmt. Beispielsweise: Warum fließt Strom?", sagt Tobias Sonntag

Tobias Sonntag absolviert ein duales Studium der Elektrotechnik an der Dualen Hochschule in Mannheim. Im dreimonatigen Wechsel lösen sich Theoriephasen an der Uni und Praxisphasen bei seinem Arbeitgeber, Terex Cranes in Zweibrücken, ab. Die Belastung im Studium ist hoch - dennoch mag der 21-Jährige seine Ausbildung: Die Kombination von Wissensvermittlung und Anwendung sei unschlagbar.

Autokräne sind faszinierende Geräte: Die größten ihrer Art wiegen mehr als 100 Tonnen, ihre Teleskopausleger sind bis zu 100 Meter lang. Gleichzeitig ist bei Bedienung der Kolosse viel Fingerspitzengefühl gefragt. Dabei helfen den Kranführern heute Joysticks, mit denen sie den Teleskopausleger und den Haken - im Fachjargon Unterflasche genannt - bedienen können. Tobias Sonntag ist der Faszination dieser Fahrzeuge schon als Kind erlegen. "Als kleiner Junge habe ich mit Modellkränen gespielt und an den Tagen der offenen Tür die großen Kräne bestaunt", erzählt der 21-Jährige, dessen Vater bei Terex Cranes in Zweibrücken arbeitet. Mittlerweile ist auch er einer von 1.750 Mitarbeitern am Standort. Vor einem Jahr hat er ein duales Studium der Elektrotechnik begonnen. Dual heißt: Die eine Hälfte der Zeit arbeitet er im Betrieb, die andere Hälfte studiert er an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Mannheim (siehe Kasten).

Solche Ausbildungsgänge, die Uni und Praxis kombinieren, bietet Terex seit 2009 an. "Für International Business haben wir sehr viele Bewerber, für Elektrotechnik hingegen interessieren sich nur wenige Schulabgänger", sagt Alexander Spoden. Und von den wenigen Bewerbern bringen dann einige nicht die nötigen Voraussetzungen mit. "Sie scheitern am Mathetest", sagt der Terex-Ausbildungsleiter.

Dass die Bewerber auf Herz und Nieren geprüft werden, findet Elektrotechnik-Student Sonntag sinnvoll: "Das Studium ist ganz schön hart." Auf dem Stundenplan in den ersten Monaten standen Grundlagen der Elektrotechnik, der Informatik, Mathematik, Digitaltechnik, Elektronik und Physik. Hinzu kamen Laborphasen. "Dort haben wir beispielsweise Schaltungen aufgebaut", erklärt Sonntag. Für die Zeit an der DHBW hat sich der Zweibrücker eine Wohnung in Mannheim gemietet. "Es ginge viel zu viel Zeit drauf, wenn ich pendeln würde." Zeit, die im straffen Tagesablauf gar nicht vorhanden ist. Die Vorlesungen und Seminare beginnen um 8 Uhr und enden zwischen 16 und 18 Uhr. "Anschließend setzen wir uns in Kleingruppen zusammen, um den Stoff nachzubearbeiten - bis spätabends", erzählt Sonntag. Alleine in den ersten sechs Monaten waren 13 Klausuren zu schreiben.

Begonnen hat seine duale Ausbildung hingegen ganz praktisch mit einer dreimonatigen Metall-Grundausbildung in der Lehrwerkstatt von Terex, daran schloss sich der sechsmonatige Doppelblock in Mannheim an, seit Juli ist Tobias Sonntag wieder bei seinem Arbeitgeber tätig - in der Instandhaltung. "Momentan rüsten wir unser Hochregallager um. Da gibt es viel zu tun, da dafür auch die Steuerung angepasst werden muss", erzählt der angehende Bachelor. Elektrotechnik spielt bei den Terex-Produkten eine wichtige Rolle: "Sensortechnik, Überwachung, Steuerung, die Datenbussysteme in den Kränen - überall findet sich Elektrotechnik", erklärt Sonntag. Und der Bedarf werde noch zunehmen. "Die Bewegung des Krans ist vielfach noch hydraulisch, wird in Zukunft aber immer mehr elektronisch gesteuert."

Ein weiterer Trend: Autokräne haben bisher in der Regel zwei Motoren, einen für die Fortbewegung des Fahrzeugs, einen zur Steuerung des Auslegers und der Unterflasche. Die Hersteller setzen jedoch zunehmend auf Ein-Motoren-Autokräne. "Der Steuerungsbedarf steigt dadurch enorm", sagt Sonntag. So ist bei Terex auch eine eigene Abteilung nur mit dem Schreiben, Aufspielen und Testen entsprechender Steuerungsprogramme beschäftigt. Das Programmieren war für den Zweibrücker völliges Neuland. Doch nicht ins Softwareschreiben hat er die meiste Arbeit und Kraft investiert. "Am Schwersten ist es, Dinge zu durchdringen und zu verstehen, die man einfach so hinnimmt. Beispielsweise: Warum fließt Strom?", erklärt er. Die Kombination von Theoriephasen an der Hochschule und Praxisphasen im Unternehmen hält Sonntag für ideal. "Nur in der Theorie kann man viele Sachen gar nicht richtig verstehen. Vieles muss man sehen und selbst machen, um es zu begreifen", sagt Sonntag. Was er nach seinem dreijährigen Bachelor-Studium machen wird, weiß er noch nicht. Fest stehe aber: "Ich will bei Terex erst mal so viel Praxiserfahrung sammeln wie möglich."

Elektrotechnik an der DHBW

Das duale Studium der Elektrotechnik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Mannheim dauert sechs Semester. Studierende können sich zum Ende des zweiten Semesters in einer von fünf Studienrichtungen spezialisieren:

  • Automation,
  • Elektrische Energietechnik,
  • Elektronik,
  • Medizintechnik sowie
  • Energie- und Umwelttechnik.

Die DHBW Mannheim vermittelt nach eigenen Angaben mehr als Wissen. Sie begleitet ihre Studierenden auf ihrem Weg zu selbstständig handlungsfähigen Ingenieuren und Ingenieurinnen. Die Absolventen seien so in der Lage, komplexe technische Herausforderungen in ihrer ganzen Breite zu erkennen und zielführende Lösungen zu entwickeln. Hierfür stattet die Hochschule sie während ihres Studiums aus mit:

  • grundlegenden Kenntnissen der Elektrotechnik,
  • spezifischem Wissen in fünf Fachrichtungen,
  • guten Kenntnissen der Schaltungstechnik, Programmierung und Steuerung von Systemen,
  • Schlüsselqualifikationen wie Sozial- und Methodenkompetenz und
  • einem hochwertigen Basiswissen in den Bereichen Betriebswirtschaft und technisches Management.

Fachlich und sozial kompetent, erfüllen die Absolventen und Absolventinnen der Elektrotechnik selbst anspruchsvolle Aufgaben. Von der Produktentwicklung, über die Planung und das Projektmanagement bis hin zum Vertrieb gehören sie zu den Besten ihres Fachs.