Werkstoffprüfer/in

"Vor allem das Miskroskopieren ist faszinierend" - Werkstoffprüferin Jula Lanzer
"Vor allem das Miskroskopieren ist faszinierend" - Werkstoffprüferin Jula Lanzer

Die angehende Werkstoffprüferin Jula Lanzer arbeitet im Labor des Automobilzulieferers Johnson Controls (ehemals Keiper) im Werk Rockenhausen. Dort prüft und dokumentiert sie Qualität und Beschaffenheit des Rohmaterials und der fertigen Produkte.

Die Maschine vibriert leicht und gibt ein tiefes Brummen von sich. Wenige Sekunden später gibt es einen dumpfen Knall, dann reißt das 0,5 Zentimeter dicke Stahlblech, an dessen beiden Enden die Maschine gezogen hat. "So ermitteln wir die Streckgrenze und die Zugfestigkeit" erläutert Jula Lanzer. Beides sind wichtige Merkmale, um die Qualität eines Werkstoffs zu bestimmen. Die Zugfestigkeit gibt an, bis zu welchem Punkt ein Metall dehnbar ist, bis es zum Bruch kommt. Die Streckgrenze ist ein Maß dafür, welche Kräfte ein Metall aushält, bis es beginnt, sich zu verformen.

Für Jula Lanzer gehören fachsprachliche Ausdrücke wie "Streckgrenze" oder "Zugfestigkeit" zum Alltag. Vor drei Jahren hat die junge Frau bei Keiper Recaro, nach dem Kauf durch Johnson Controls firmiert das Unternehmen unter neuem Namen, ihre Ausbildung zur Werkstoffprüferin gestartet. Seither untersucht sie, ob der wichtigste Werkstoff des Automobilzulieferers, Stahl, den hohen Ansprüchen genügt. Neben der Analyse nimmt auch die Dokumentation der Testergebnisse einen breiten Raum ein (siehe Kasten "Das Berufsbild").

Weitere wichtige Kriterien beim Prüfen sind neben der Streckgrenze und der Zugfestigkeit die Materialzusammensetzung und die Härte. Um letztere zu erreichen, erwärmt Johnson Controls die produzierten Zahnräder und Zahnkränze auf rund 900 Grad Celsius. Das dauert je nach Dicke bis zu 120 Minuten. Anschließend werden die Produkte in Öl abgeschreckt. Um die Härte zu bestimmen, nutzt Jula Lanzer spezielle Härteprüfgeräte. Diese arbeiten unabhängig vom Verfahren alle nach dem gleichen Prinzip: Sie messen den Widerstand, den der Werkstoff dem Prüfkörper entgegensetzt. Um zu demonstrieren, wie das funktioniert, legt Jula Lanzer ein Stück Stahlblech in ein Messgerät, das nach dem sogenannte Vickersverfahren funktioniert. Eine Diamantspitze bohrt sich dabei für zehn Sekunden in die Probe. Je weicher das Metall, desto tiefer kann die Spitze eindringen. Und desto größer ist der Abdruck, den die Spitze im Werkstoff hinterlässt. Die Größe des Abdrucks wird anschließend in eine genormte Maßzahl übersetzt.

Um die Struktur des Stahles zu deuten, nutzt die 18-Jährige auch Mikroskope. "Vor dem Mikroskopieren schneide ich den Stahl auseinander und ätze die Schnittstelle dann mit Säure an. An der Verfärbung und der Form der sogenannten Körner kann ich anschließend das Gefüge analysieren. So erkenne ich beispielsweise, ob das Teil wärmebehandelt wurde und teilweise sogar, welche Bestandteile in meinem Werkstoff vorhanden sind", erklärt die angehende Werkstoffprüferin.

Der Grund für die akribische Kontrolle sowohl des zugelieferten Rohstahls als auch der fertigen Produkte ist einfach: "Die Teile müssen halten!", bringt es Jula Lanzer auf den Punkt. Die "Teile" - das sind Einstellmechanismen für die Rückenlehnen von Autositzen, die aufgrund ihrer Funktionsweise und ihres Bewegungsschemas "Taumel-Beschläge" genannt werden. Das Unternehmen hat sich im Werk Rockenhausen auf die Fertigung solcher Einstellkomponenten sowie von kompletten Sitzstrukturen spezialisiert - alles Produkte aus Metall. 225.000 "Taumel 2000" verlassen werktäglich das Werk in der Nordpfalz. Die Lehneneinsteller sind zentrale Sicherheitselemente im Fahrzeug: Im Falle eines Unfalls muss der Sitz den Insassen sicher halten. "Deshalb spielen die Qualität der Lehneneinsteller als Bindeglied zwischen Lehne und Sitzunterbau sowie ihre Fähigkeit zur Aufnahme von Kräften eine entscheidende Rolle", erklärt Jula Lanzer.

Für ihre Arbeit benötigt die Auszubildende sehr gute naturwissenschaftliche und mathematische Kenntnisse. Bereits in der Schule hat die aus Winnweiler stammende Frau sich für die Fächer Chemie und Physik begeistern können. Daher war ihr bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle klar: "Ich möchte in einem Labor arbeiten."

In das Prüflabor von Johnson Controls kam Lanzer über ein Praktikum. Kennen gelernt hatte sie den größten Ausbildungsbetrieb im Donnersbergkreis über einen Berufsinformationstag an ihrer Schule. Der eher seltene Beruf führt dazu, dass nur wenige Berufsschulen angehende Werkstoffprüfer unterrichten. Jula Lanzer wohnt daher im Abstand von drei Monaten für einige Wochen in Stuttgart, um die dortige Berufsschule zu besuchen. Das Pendeln zwischen ihrem Heimatort Winnweiler und der baden-württembergischen Landeshauptstadt stört sie nicht. "Dadurch bin ich viel selbstständiger geworden". Nur ihre Hobbys, Tanzen und Tennis, litten unter den Stuttgartaufenthalten. Doch viel Zeit bleibt der jungen Frau auch sonst nicht.

Parallel zu ihrer Ausbildung besucht sie noch an zwei Tagen die Woche ein Abendgymnasium, um ihr Fachabitur abzulegen. Neben der Fortbildung als Technikerin steht Jula Lanzer nach ihrer Ausbildung so auch ein Hochschulstudium offen. Besonders eilig hat sie es aber nicht - ihr Beruf macht der Azubi nämlich viel Spaß. "Vor allem das Mikroskopieren ist faszinierend." Auch die Vielfalt der Aufgaben findet sie reizvoll. "Wir im Prüflabor kommen immer dann ins Spiel, wenn die Kollegen in der Produktion Unterstützung benötigen." In sehr seltenen Fällen muss Jula Lanzer auch mal ein schadhaftes Teil analysieren. "Das passiert aber glücklicherweise nur sehr selten", sagt sie.

Anders als der Arbeitsplatz Labor vermuten lässt, müssen Werkstoffprüfer auch eine gute Team- und Kommunikationsfähigkeit mitbringen. "Ich stehe in ständigem Kontakt mit den Kollegen in der Produktion, mit Lieferanten und Kunden", sagt Jula Lanzer. Dort ist man auch schon auf das Talent und das Engagement der angehenden Werkstoffprüferin aufmerksam geworden. Im Dezember wird sie ein Praktikum bei einem Rohmaterialzulieferer absolvieren.

Das Berufsbild:

Das Porträt im ferrum-E-Paper