Wirtschaftsingenieurwesen

Der Grenzgänger - Peter Huesmann ist für sein duales Studium bei Siemens in Frankenthal vom niedersächsischen Handrup nach Mannheim gezogen.
Der Grenzgänger - Peter Huesmann ist für sein duales Studium bei Siemens in Frankenthal vom niedersächsischen Handrup nach Mannheim gezogen.

Peter Huesmann studiert Wirtschafts-ingenieurwesen an der Dualen Hochschule in Mannheim. Seine Praxisphasen verbringt der Niedersachse bei Siemens in Frankenthal. Die Kombination von Maschinenbau und BWL ist für den 20-Jährigen genau das Richtige. Er hat ein Faible für Sprachen und für Technik.

"Nicht Fisch, nicht Fleisch" - Peter Huesmann kennt diesen Kommentar nur zu gut, wenn er von seinem Studienfach erzählt: Wirtschaftsingenieurwesen. "Das ist eine Mischung aus Maschinenbau und BWL", sagt der 20-Jährige. Dozenten und Fächer seien größtenteils identisch. "Das geht nur, da man in beiden Fächern nicht so tief einsteigt", erklärt Huesmann. Am Vorurteil, mit diesem Abschluss sei man weder ein richtiger Ingenieur, noch ein richtiger BWLer, sei durchaus etwas dran. "Die meisten Stellen sind entweder für Maschinenbauer oder für BWLer ausgeschrieben. Wer sich beispielsweise auf eine Stelle in der Entwicklung oder im kaufmännischen Bereich bewirbt, hat immer starke Konkurrenz, da andere Mitbewerber für diese Stellen spezialisierter sind", sagt Huesmann. Doch es gebe Funktionen, die gerade solche Grenzgänger zwischen den Fächern brauchten. Gute Beispiele für solche "Zwischenpositionen" seien der Vertrieb oder das Projektmanagement.

Peter Huesmanns verdeutlicht das an seiner eigenen Arbeit. Er ist im Technischen Vertrieb (siehe Kasten) tätig. "Ich muss eine Turbine verstehen, muss sie gleichzeitig kalkulieren und darüber verhandeln können. Den reinen Technikern fehlt dazu das Kaufmännische, den reinen Kaufmännern das Technische". Dass der junge Mann neben der Hochschule auch noch eine Arbeit hat, liegt am gewählten Studiengang: Peter Huesmann studiert Wirtschaftsingenieurwesen dual, das heißt: Während des Semester besucht er Vorlesungen und Seminare an der Dualen Hochschule Mannheim, in der vorlesungsfreien Zeit arbeitet er bei Siemens Turbomachinery Equipement GmbH in Frankenthal.

Am dualen Studium gefällt dem angehenden Wirtschaftsingenieur die Praxisnähe: "Ich kann in die Produktion gehen und an einer Turbine schrauben. In einem normalen Studium ist das nicht möglich." Zudem habe er Kundenkontakt, könne Englisch sprechen, verhandeln und ins Ausland gehen. Der englischen Sprache gehört seine Leidenschaft. Mit 14 bekam Huesmann sein erstes englischsprachiges Buch geschenkt - einen Harry-Potter-Band. Seither verschlingt er englischsprachige Literatur. Sein Interesse geht soweit, dass er ein Studium der Anglistik erwogen hatte. "Lange habe ich geschwankt zwischen etwas Technischem und etwas Sprachlichem", erzählt er. Diese ungewöhnliche Spannbreite der Interessen lässt sich vielleicht mit Blick auf sein Elternhaus erklären. Peter Huesmanns Vater ist Chemie- und Kunstlehrer. "Er hat uns sowohl für Naturwissenschaften als auch für sprachlich-künstlerische Dinge begeistert", sagt der Student. Sein Interesse an der englischen Sprache hat Huesmann auch zu Siemens geführt. Der Abiturient hatte letztendlich Zusagen von drei Unternehmen. "Für Siemens habe ich mich vor allem entschieden, da der Konzern international tätig ist und ich ins Ausland gehen kann. Zudem kann ich viel Englisch schreiben und sprechen. Englisch ist eben Unternehmenssprache bei Siemens", sagt er.

In seinen Praxisphasen bei Siemens in Frankenthal hat der Student reichlich Gelegenheit, seine Sprachkenntnisse einzubringen. Huesmann arbeitet in einem Team des Technischen Vertriebs, das den nordamerikanischen Markt betreut. Seine letzte Praxisphase vor der Bachelorarbeit wird er zudem im texanischen Houston verbringen. Dort unterhält Siemens ein Vertriebsbüro. Für seine Abschlussarbeit heißt das: Das Thema wird wohl mit dem US-amerikanischen Markt zu tun haben. Ein Vergleich oder eine Marktanalyse kann sich der Siemensianer gut vorstellen.

Doch bis dahin dauert es noch. Momentan befindet sich Huesmann im zweiten Studienjahr und der dritten Praxisphase. Zurzeit arbeitet er daran, ein Auslegungs- und Kalkulationstool zu aktualisieren. Ziel ist es, ein API-Standardpaket zu entwickeln. Die Abkürzung steht für "American Petroleum Industry". Dieser Verband setzt in den USA die Normen für Maschinen und Anlagen. Die dort geltenden Vorgaben weichen jedoch erheblich von den europäischen ab, auf denen bisher die Frankenthaler Standardmaschinen aufbauen.

"Wenn wir eine API-Standard-Turbine haben, wäre das dann wie beim Autokauf. Dort gibt es ja auch vorkonfigurierte Ausstattungen", erklärt Huesmann. Für diese Aufgabe wertet der Student alle Aufträge aus, die Siemens Frankenthal bisher auf dem API-Standard ausgeführt hat.

Für diese analytische Tätigkeit ist er dank seines Studiums gut gerüstet. Auf seinem Stundenplan stehen Fächer wie Technische Mechanik, Verfahrens- und Fertigungstechnik, technische Physik und Mathematik, Elektrotechnik, Konstruktion, CAD und Informatik. In der BWL befasst sich Huesmann mit Finanz- und Rechnungswesen, Produktion und Logistik (strategisches Produktionsmanagement, logistisches Management), Volkswirtschaftslehre und allgemeiner BWL. "Im fünften Semester kommen Wahlfächer dazu: International Business, Supply Chain Management oder Erneuerbare Energien stehen zur Auswahl", erklärt der Student. Das ist viel Stoff. "Meine Schwester hat auch ein duales Studium absolviert. Daher wusste ich, dass viel Arbeit auf mich zukommt", sagt Huesmann. Doch der Student sieht auch die Vorteile, neben dem guten Praxisbezug vor allem die Bezahlung.

Für die Ausbildung bei Siemens hat er einiges auf sich genommen: Sein Heimatort Handrup ist 463 Kilometer entfernt. "Das liegt in der Nähe von...", beginnt Huesmann zu erklären. Und schiebt nach einer kurzen Pause mit einem Lächeln nach: "Eigentlich nichts!" Handrup ist ein 900-Seelendorf nahe der deutsch-niederländischen Grenze. Bei seinen Eltern lebte Huesmann in einem Haus auf einem 2000 Quadratmeter großen Grundstück. Jetzt wohnt er in einem elf Quadratmeter kleinen Zimmer in der Mannheimer Innenstadt. Der Wechsel sei ihm dennoch leicht gefallen. "Ich mag Städte lieber als das platte Land." In Handrup habe es zwei Ausländer gegeben: zwei Holländer. "Ansonsten sind da alle deutsch und wählen CDU", sagt der Student mit einem Lachen. Jetzt teilt er sich eine Wohnung mit einem Inder, das restliche Haus sei voll von Koreanern und der Eigentümer ein Pole. Am multikulturellen Mannheim gefällt ihm eine Sache jedoch nicht: "Fahrradfahren macht hier keinen Spaß", sagt der gebürtige Niedersachse. Es dauere zu lange, bis man endlich mal in der Natur sei.

Der Technische Vertrieb bei Siemens Frankenthal

Der Technische Vertrieb akquiriert Aufträge und verhandelt diese mit den Kunden. Anhand von Parametern wie Dampfdruck, -durchsatz oder -temperatur legt er eine Turbine aus und kalkuliert ein erstes Angebot. Sagt dies dem Kunden zu, teilt er weitere Daten mit, auf deren Grundlage der Technische Vertrieb sein Angebot verfeinert. Wenn der Kunde den Auftrag schließlich erteilt, geht er zur Abwicklung weiter an das Projektmanagement.